Training - Hilft viel auch viel?


 Hatori    01.11.2019 - 08:00
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Planung und Durchführung mit System - nein, viel Training hilft nicht (!) viel

Vorweg: Es gibt immer mehrere, verschiedene Wege - dies hier ist meiner. So wurde er mir von meinem Lehrer beigebracht und ich halte ihn für sinnvoll und effektiv. Und wohlgemerkt, es geht um das Erlernen der Kampfkunst, die körperliche Fitness steht im Hintergrund. Ich werde auch Wege zeigen, die nach meiner Meinung nicht so effektiv sind, Widerspruch und Gegenargumente werden gehört (Mail-Adresse im Impressum) - ich bin nicht Dr. Allwissend und lerne gern dazu. Zudem geht es hier ausschließlich um Ninjutsu, in anderen Kampfkünsten braucht es durchaus andere Methoden.

Bei uns gibt es zur Zeit zweimal pro Woche Training. Die zweite Einheit ist jedoch hier uninteressant - dabei gibt es nur Drill von Taisabaki, Kamaes, Blocks, Schlägen, Kicks, Kihon Happo - und die Form aus dem letzten Training. Also nichts an neuen Lerninhalten. Warum das so ist, gibts etwas weiter unten.
Das zweite (wichtigere) Training beinhaltet jeweils EINE Form, wirklich nur eine einzige. Langweilig? Nun ja, manchmal, wenn man sich die Schüler anschaut, bekommt man diesen Eindruck. Dann hilft nur erklären und sich was einfallen lassen, was trotzdem Spaß bringt. Denn mal ehrlich, das Leben ist ernst genug, im Training wollen wir auch lachen und nicht nur verbissen arbeiten.

Sobald ich von meinem Lehrer das Jahresthema bekommen habe, nehme ich mir die entsprechende Schule vor und lege für unser Training fest, was wir wann machen. Im Winterhalbjahr können wir nicht mit Langwaffen arbeiten, dafür haben wir da eine - wenn auch kleine - Matte. Also werden in dieser Zeit waffenlose Formen trainiert, die womöglich auch noch Würfe enthalten. Im Sommerhalbjahr sind dann die Waffenformen dran.
Man nehme sich im Idealfall ein langes Stück Papier (oder eine Excel-Tabelle) und schreibe sich zunächst grob diese Jahresplanung auf. Stück für Stück verfeinert man das Ganze dann. Natürlich wird auch hier und da der Plan im Laufe des Jahres nicht komplett funktionieren (willst Du die Götter zum Lachen bringen, mach einen Plan), im Großen und Ganzen hat man dann aber viele Anhaltspunkte, an die man sich halten kann und sollte.

Vor jedem Training zerlege ich die Form, welche für das nächste Training vorgesehen ist, in ihre Bestandteile. Welche Kamaes sind enthalten, welche Blocks, welche Schläge, Kicks, Hebel, Würfe, in welche Richtung gehen die Bewegungen, nicht nur die Ausweichbewegung, welche meist als erstes nötig ist, sondern auch jede weitere Bewegung, denn Bewegung, Fußarbeit, ist das A und O.
Auch hier wieder der Idealfall, speziell für junge, unerfahrene Lehrer: Macht das nicht nur gedanklich im Kopf, sondern nehmt Euch Karteikarten (oder was immer Euch sinnvoll erscheint) und macht das schriftlich. Die Schulen tauchen ja regelmäßig immer mal wieder auf, dann habt Ihr die entsprechenden Formen bereits parat, die einmalige Arbeit lohnt sich. Zudem werdet Ihr feststellen, dass Ihr nach fünf, sechs, neun Jahren, je nachdem, wann die Schule wieder im Plan ist, viel dazugelernt habt, Ihr Eure Karteikarten entsprechend verfeinern könnt. Je besser und intensiver diese Vorbereitung gemacht wird, desto größer der Lerneffekt bei Euren Schülern - und darum geht es doch im Endeffekt.

Die verschiedenen Bestandteile der Form werden zu Beginn des Trainings als erstes geübt, manche schon während der Erwärmung. Dabei werden diese Dinge teilweise absichtslos unabhängig voneinander mehrfach wiederholt. Und nach und nach setzen wir dann die einzelnen Bestandteile zusammen und erhalten nach etwa zwei Dritteln des Trainings - Überraschung - eine vollständige Form. Diese wird nun wieder und wieder geübt. Damit es nicht zu eintönig wird vielleicht auch einige, aber wenige Henkas dazu, die das Prinzip der Form nochmals betonen sollen.

Ist das Training damit durch? Nun, körperlich schon, doch jetzt kommt das, was zwar viele Lehrer (auch ich) immer wieder erzählen, erklären, was aber leider kaum ein Schüler wirklich macht. Und das ist schade, denn das ist der Grund, warum viele Schüler nicht vorankommen oder nur sehr langsam, sie meinen dann, der Lehrer macht alles falsch.
Denn jetzt sollte der Schüler NACH dem Training dasselbe machen, was sein Lehrer VOR dem Training getan hat: Sich gedanklich, im Kopf, mit der Form auseinandersetzen, sie in die kleinsten Bestandteile zerlegen, das Prinzip suchen und verstehen, sie Stück für Stück wieder zusammensetzen. In Momenten, in denen man sowieso ein wenig Bewegung braucht, die Form auch Mal laufen - ja, das geht auch ohne Partner. Wenn der Kopf alles verstanden hat, wird es auch der Körper tun können. Es wird nicht sofort fließen, aber es wird relativ schnell so sein. Im nächsten Drill-Training wird dann diese Form körperlich geübt und man wird erstaunt sein, wie gut das funktioniert. Aber der Kopf braucht diese sechs Tage. Später irgendwann wird es vielleicht auch schneller gehen, doch das ist eben "später" und wird auch dann nicht in ein paar Stunden machbar sein - vielleicht irgendwann VIEL später.
So zieht sich das übers Jahr hin und meist bleibt zum Jahresende noch Zeit, sich mit Verfeinerungen zu befassen. Feeling, Fluß, Energie gehören ebenso dazu, machen aber erst Sinn, wenn die Grundlagen beherrscht werden.

So sieht mein Weg aus. Das Problem dabei ist, dass ich voraussetze, die Schüler WOLLEN die Kampfkunst lernen und nicht nur bespasst werden. Das bedeutet, der Schüler muss diese Vorgänge nach dem Training auch wirklich tun - und zwar von sich aus. Ich kann und will niemanden dazu zwingen. Übertrieben gesagt: Ninja ist ein 24-Stunden-Job, sieben Tage die Woche.

Dann gibt es Menschen, die wollen etwas für ihre Fitness tun, denen die Kampfkunst an sich aber egal ist. Die gehen dann sehr oft zum Training und direkt danach wird jegliches schädliche Wissen direkt entsorgt. An und für sich kein Problem, das Kampfkunsttraining ist deutlich entspannter und nicht so langweilig wie es oft im Fitness-Studio zugeht, bringt aber ähnliche Effekte. Doch dann kommt der nächste Test und viele meinen, sie waren oft und viel beim Training und haben schon soooo viel gelernt - und fallen durch ... und verstehen nicht, warum. Oder sie bestehen, weil der Prüfer mal wieder ein paar Euros extra braucht. Damit bewegen sich diese Menschen nun auch noch in einem falschen Sicherheitsgefühl und überschätzen sich möglicherweise in einer Situation, in der sie besser weglaufen sollten (was sowieso immer die beste Variante ist). Irgendwann werden aber auch diese Leute an Grenzen stoßen, an denen selbst der bereitwilligste und blindeste Prüfer nichts mehr tun kann und sie werden wieder und wieder und wieder durchfallen.

Es gibt allerdings auch eine Variante des Viel-und-oft-Trainings die funktioniert, die aber arg langweilig und auch nur bis zu einem gewissen Punkt wirksam ist. Man lernt einmal eine neue Form und statt sie dann gedanklich zu zerlegen, nimmt man den Weg über den körperlichen Drill. Man geht sechs Mal die Woche zum Training, einmal um die neue Form zu lernen, fünfmal um sie immer und immer wieder zu wiederholen und zwar NUR diese eine Form, ohne Henkas, ohne Abweichungen. So bekommt man sie auch in den Körper, doch der Kopf wird sie nicht verstehen. Aber wie schon auf der Seite zum Kuji In beschrieben steht, muss der Kopf die Technik verstanden haben und der Wille entschlossen sein, sie auszuführen. Die Einheit von Körper und Kopf (Geist) bringt den tatsächlichen Erfolg - und nur diese Einheit.

Dann gibt es da leider noch das größte Übel überhaupt: Viele verschiedene Techniken und Formen in ein Training gepackt. Wenn diese verschiedenen Dinge nun wenigstens inhaltlich zusammenpassen, sag ich mal, kann man machen - mit Leuten zweiten, dritten Dan aufwärts. Die werden zwar in so einem Training auch nicht viel lernen, aber ihr Taisabaki schulen, Basic verbessern und Spaß haben. Leute im Kyu-Bereich werden dabei nichtmal wirklich Spaß haben, bevor sie eine Technik tatsächlich hingekriegt haben, ist schon die nächste dran - das Erfolgserlebnis tendiert gegen Null, Lernerfolg ebenso und die Motivation wird in den Keller sinken. Die Hälfte der Techniken haben die Schüler schon vergessen, wenn sie aus dem Dojo gehen, den Rest am nächsten Morgen. Ich weiß, wovon ich rede, mein allererster "Lehrer" war so ein Typ. Ich wollte mit dem Ninjutsu schon aufhören, fand dann aber jemanden, der es mich richtig gelehrt hat. Nach drei Jahren bei diesem ersten Trainer hatte ich den sechsten Kyu, als ich dann zum Bujinkan Deutschland kam, konnte ich nichts, ich musste nochmal ganz von vorn anfangen.

Ich vergleiche ein solches Training gern mit Mathe-Unterricht in der Schule. Stellt Euch vor, da kommt ein Lehrer und erzählt Euch in einer Stunde 20 verschiedene Sachverhalte (die absolut nichts miteinander zu tun haben), Formeln, was auch immer, alle auf einmal in einer Stunde, nur die Sachverhalt, keine Beispiele, nichts. In der zweiten Stunde dasselbe, in der dritten wieder ... und weiter bis zur zwanzigsten.
Dann kommt ein anderer Lehrer und erklärt in der ersten Stunde nur EINE Sache, gibt Beispiele, lässt sich die ganze Stunde Zeit. In der zweiten Stunde macht er dasselbe mit der zweiten Sache ... usw. bis zur zwanzigsten Stunde, immer nur eine Sache.
Bei welchem Lehrer habt Ihr wohl mehr gelernt? Seid einfach ehrlich zu Euch selbst. Es wird einige wenige geben, die verstehen bei beiden Varianten (fast) alles, aber es werden sehr wenige sein. Kommt Ihr als Kampfkunstschüler in so ein Training a la Mathe-Lehrer Nummer 1, habt Ihr von Anfang an schon verloren.

Zuletzt gibt es dann noch Schüler, die gehen in zwei Dojos, zu zwei Lehrern, mit der Begründung, sie lernen mehr und schneller. Dass dies ein Trugschluß ist - siehe oben, es kommt aber noch ein viel gravierenderes Problem dazu. Zu vielen Lehrern zu Seminaren zu gehen ist grundsätzlich richtig (und leider inzwischen ziemlich teuer), aber zu Hause kann man nur EINEN Lehrer haben (wer mehr Bewegung braucht oder will, sollte ins Fitness-Studio oder joggen gehen). Für eine kurze Übergangszeit geht es schonmal mit Zweien, sozusagen als Probezeit. Aber früher oder später muss man sich für einen Lehrer entscheiden. Es gibt viele Wege zum Ziel, man kann aber immer nur einen zur Zeit gehen. Zudem stellt sich die Frage: Was ist das Ziel?

Warum funktioniert es auf Dauer nicht mit zwei Lehrern? Ich werde es Euch auf zwei Weisen versuchen zu erklären.

Stellt Euch vor, Ihr steht an einer Weggabelung. Rechts geht es zu dem einen Lehrer, links zu dem anderen. Ihr lauft Montag den rechten Weg, wollt aber Dienstag den linken Weg gehen. Es gibt keine Abkürzung, Ihr müsst zurück zur Gabelung. Mittwoch wieder zum ersten Lehrer, also zurück zur Gabelung. Und das jedes Mal, immer wenn Ihr zu dem anderen Lehrer wollt, müsst Ihr erst zurück. Merkt Ihr was? Ihr kommt nicht voran, keinen Meter, denn Ihr müsst immer erst zurück.

Nehmen wir das andere Beispiel, das mit den Türen. Ein Lehrer will Euch begleiten, er zwingt Euch nichts auf. Er wird Euch eine Tür zeigen. Ihr entscheidet, ob Ihr durchgeht oder nicht. Gefällt Euch diese Tür nicht, wird der Lehrer Euch eine andere zeigen, solange, bis Ihr durch eine dieser Türen hindurchgehen wollt. ABER der andere Lehrer zeigt Euch auch Türen. Ihr seht plötzlich eine, die Euch gefällt, rennt durch die Tür, durch die Ihr bereits gegangen seid, wieder zurück und verschwindet hinter der anderen Tür. Jetzt kommt der erste Lehrer zurück, er hat Euch durch seine Tür gehen sehen ... da seid Ihr aber nicht mehr. Dieser Lehrer und Ihr - da führt nichts mehr zusammen, Ihr werdet Euch in dem Labyrinth der Türen nicht wiederfinden. Solange Euch die Türen des zweiten Lehrers besser gefallen, ist das ok. Aber dann sagt VORHER dem ersten Lehrer, dass Ihr seine Türen, seinen Weg, nicht länger wollt, aus welchem Grund auch immer ... wir haben im letzten Monat darüber geredet. Vielleicht treffen sich Eure Wege sogar nochmal hinter irgendeiner dieser Türen, eventuell verspürt Ihr dann das Bedürfnis, ein paar Schritte nebeneinander zu gehen, dann tut das, aber verratet niemals auch nur einen Lehrer, seid ehrlich und respektvoll.

Das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler ist durchaus vergleichbar mit einer Ehe. Wenn ein Partner den anderen betrügt, ist die Scheidung nicht weit. Halten aber beide fest zusammen, helfen sich gegenseitig, auch in schweren Momenten, dann wird vieles deutlich leichter und Erfolge werden sich wie von selbst einstellen.

Ninjutsu spiegelt das Leben in all seinen Facetten wieder - und in jeder Situation im Leben muss der Mensch Entscheidungen treffen, manche freiwillig, manche notgedrungen. Auf Dauer kann man Entscheidungen nicht vermeiden, auch dann nicht, wenn man es noch so gerne möchte. Im schlimmsten Fall wird einer der beiden Lehrer die Entscheidung treffen - für sich, nicht für Euch - und dann kommt Ihr möglicherweise dort an, wo Ihr gar nicht hin wolltet.

Im Idealfall finden sich Lehrer UND Schüler, die den Weg gemeinsam gehen wollen, nebeneinander, gleichberechtigt, einander helfend. Ein Lehrer sollte nie vergessen, dass er auf die Hilfe seiner Schüler angewiesen ist, das er selbst auch "nur" Schüler ist. Der Schüler kommt ohne seinen Lehrer nicht voran, aber er unterstützt diesen auch in dessen Entwicklung. Das MITEINANDER ist letztendlich entscheidend, gegenseitiges VERTRAUEN ist der Schlüssel.

Und dann wird das "Wie oft Training" oder "Wieviel Training" nebensächlich.

Sicher gibt es auch diverse Mischformen dieser Wege, gute und weniger gute, bestimmt auch einige, die ich nicht kenne und möglicherweise funktionieren einige davon bei einigen Schülern. Es gibt kein Patent-Rezept, jeder Lehrer muss für sich herausfinden, wie er sein Wissen effektiv weitergeben kann. Vielleicht kann dem einen oder anderen dieser Artikel eine kleine Hilfe sein.

Mal drüber nachdenken ...








Diese News sind von Kuroi Fenikkusu Dojo Kampfsportverein e.V.
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